Was ist Heimat? Part I

Ich habe einige Bloggerkollegen nach ihrer Definition von Heimat gefragt. Darunter war unter anderem Eva vom Oldenburg Blog. Sie lebt seit 2011 in meiner Wahlheimat Oldenburg, ist aber gebürtige Bayerin.

Eva berichtet auf ihrem Blog über das Leben in Oldenburg, gibt Tipps zu Veranstaltungen und stellt auch die OldenburgerInnen vor. Hier berichtet sie euch nun, was für sie Heimat ist.

 

Wie schreibt man einen Text über Heimat, wenn man bis zu seinem 24. Lebensjahr schon zweimal das Bundesland gewechselt hat und jetzt 600 Kilometer von seinem Geburtsort entfernt wohnt? Ganz einfach, man beginnt ihn mit einer Frage. Denn das Thema „Heimat“ ist für mich nicht mit einem Aussagesatz und schon gar nicht mit einem einzigen zu beschreiben.

Neunzehn Jahre lang war meine Heimat eine Kleinstadt namens Neuburg, beziehungsweise eine angrenzendes Dorf, in Oberbayern. Heimat war der Schweinebraten meiner Oma, zu dem sie uns sonntags gerne eingeladen hat. Heimat waren jährlich stattfindende Feste und Traditionen: Maibaumaufstellen, Volksfest, Donauschwimmen, Waldfest. Heimat war auch die Natur, die ich als Kind vor der Haustür hatte: Pferde, Wiesen, Wälder, Kirschbäume, Maisfelder, Mohnblumen. Und Heimat war der einzige Treffpunkt unseres 100-Seelen Dorfes: eine kleine Wirtschaft, wo sonntags Fahrradfahrer ihr Mittagessen bestellten und wir Kinder uns Eis kaufen konnten und Lollis dazu geschenkt bekamen.

Frau im Kleid vor dem Meer, weiß-grüner Leuchtturm im Hintergrund
Eva in Rostock/Warnemünde

Die Wirtschaft gibt es schon seit über 15 Jahren nicht mehr und auch mich gibt es in diesem Dorf nicht mehr, denn mit 19 wollte ich nichts wie raus aus der bayrischen Provinz. Ich packte meine Sachen, die alle in einen Audi 80 passten und fuhr genau 730 Kilometer nach Norden. Während die meisten meiner Freunde in den nähergelegenen Großstädten – München, Nürnberg, Würzburg – studierten, erfuhr ich sehr schnell was echtes Heimweh bedeutet. In Rostock gab es eigenes Essen, eigene Traditionen und eine ganz andere Natur. Oft fühlte ich mich ein bisschen wie an den falschen Ort verpflanzt oder hinter einer imaginären Grenze zu spät abgebogen. Aber genau dieses Neu-sein und die Gegensätze zwischen meinen Gewohnheiten und der vollkommen anderen Umgebung beflügelten mich nach einiger Zeit und gaben mir ein Gefühl von Freiheit und Erwachsensein. Gleichzeitig musste ich mich aber, wahrscheinlich stärker als meine Schulfreunde, mit meiner Identität auseinandersetzen und verfiel in eine Art „Konservieren“ meiner Herkunft: Ich schaute fast täglich bayrisches Fernsehen, was ich früher nie gemacht hatte, kaufte mir ein Dirndl und war noch sehr oft auf „Heimatbesuch“.

eva_heimat
Evas „Heimat“stadt

Mittlerweile ist mein Umzug aus dem Süden 13 Jahre her und nach dem Studium in Rostock bin ich in Oldenburg gelandet. Ich fühle mich im Norden angekommen und schätze viele Aspekte meines Lebens hier. Zum Beispiel liebe ich die Oldenburger Freundlichkeit, die Nähe zur Natur, die schöne Architektur und Geschichte der Stadt, die traditionellen Feste (Kramermarkt, Kultursommer,…), das kreative Umfeld und noch vieles mehr. Doch wenn ich spontan eine Liste mit Dingen erstelle, die in mir Heimatgefühle auslösen, kommt erst an achter Stelle etwas, das nicht typisch süddeutsch ist. Nämlich das Wort „Moin“.

heimat_eva
Evas „Heimat“stadt im Schnee

Ist meine Heimat also Bayern? Bin ich hier nur im Exil? Nein, denn auch wenn es hinter Sonntagsbraten und der Donau steht, möchte ich ohne das Wort „Moin“ und alles was es für mich ausdrückt (darüber könnte ich übrigens einen eigenen Text verfassen) nicht mehr leben. Und auch nicht ohne Oldenburg und die lieben Menschen, die ich hier kennengelernt habe.

Frau mit
Eva auf dem Oldenburger Kramermarkt

So bleibt der Begriff „Heimat“ für mich sehr schwierig zu definieren. Er ist kein Ort und keine Region, er setzt sich zusammen aus Erinnerungen und Erfahrungen, aus Menschen und Traditionen, verweigert Klischees und feste Grenzen, rückt in den Hintergrund und kommt doch manchmal wieder zum Vorschein. Zum Beispiel wenn man seinen Sommerurlaub 2019 in Oldenburg, Rostock und Neuburg verbringt. Oder wenn man genau in dieser Zeit gefragt wird, einen kurzen Text über „Heimat“ zu schreiben.

Evas Blog findet ihr hier: Der Oldenburg Blog

Sie ist ebenfalls auf Instagram und Pinterest zu finden.

17 Kommentare zu „Was ist Heimat? Part I

  1. ein interessanter Aspekt zum Thema Heimat, den Eva da bennent: Heimat ist nicht unbedingt ein Ort oder eine Region, sondern Erfahrungen, Erlebnisse, Menschen… genauer nachgedacht stimme ich ihr da voll und ganz zu 🙂 liebe Grüße Bettina

  2. Ich sage immer „Heimat ist wo dein Herz ist“. deswegen fühle ich mich in Schweden auch beheimatet als hier im Harz. Auch in Schleswig Holstein habe ich mehr Heimat Gefühl. Das ist etwas was man eben nicht in Worte fassen kann. Ein Gefühl vom Herzen aus.

    xoxo Vanessa

  3. Heimat ist da, wo meine Familie ist – das muss nicht zwingend mein Wohnort sein. auch wenn ich mich hier wohlfühle, könnte ich sicherlich auch woanders leben.

  4. Hallo Michelle,
    hallo Eva,

    beim Lesen dieses Artikels musste ich selber an meine letzten Jahre denken. Eigentlich ist es bei mir ähnlich gewesen, nur die Himmelsrichtung war eine andere. Gebürtig aus Papenburg im Nordwesten von Deutschland bin ich dann erst eine Zeit lang in Taiwan gewesen und anschließend zum Master-Studium in die Ostalb gezogen, tiefsten Schwabenland also.

    Da fühlte ich mich auch zunächst irgendwie deplatziert, habe mich aber trotzdem daran gewöhnt. Dadurch, dass der Zeitraum absehbar war, habe ich die Region jedoch nie als meine Heimat betrachtet.

    Mittlerweile wohne ich seit fast 4 Jahren im Raum Düsseldorf und kann langsam behaupten, dass die Gegend eine neue Heimat, zumindest jedoch ein Zuhause wird. Ich denke es kommt mehr auf die Menschen und Freunde als auf einen bestimmten Ort an.

    Danke für diesen kleinen Flashback in meine Vergangenheit 🙂

    Gruß

    Henrik

  5. Super spannender Beitrag! Die Frage habe ich auch schon öfter gestellt bekommen und mich das auch selbst gefragt. Meine Heimat im eigentlichen Sinne ist Baden, die Gegend um Heidelberg. Aber ich habe dort überhaupt keinen Bezug mehr hin, meine Familie lebt nicht mehr dort und dort, wo meine Mama und meine Geschwister jetzt leben, hab ich nie gewohnt 😉 Obwohl ich nur zweieinhalb Jahre in Bremen gewohnt habe, habe ich mich dort sehr heimisch gefühlt, ebenfalls in Oslo (ebenfalls zweieinhalb Jahre) und nun in Hannover fühle ich mich auch heimisch.

  6. Eine ganz interessante Herangehensweise! Bei mir ist es nicht wirklich schwer, diese Frage zu beantworten – obwohl ich mittlerweile mit meiner eigenen Familie in einem Haus wohne, hab ich es gerade mal 20 Meter weit geschafft… Meine Eltern wohnen nämlich gleich gegenüber der Straße, sprich ich wohne immer noch „in meiner Heimat“ 🙂

    Alles Liebe, Katii

  7. Eine sehr spannende Frage, die ich nicht beantworten könnte.
    Denn viel umhergezogen fühle ich mich nicht wirklich verwurzelt oder beheimatet. Doch das ist nicht schlimm. Denn ich leben im Hier und Jetzt und fühle mich genau hier und jetzt wohl und zuhause 🙂

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