Schwarzer Tourismus: Wo liegt die Grenze zwischen Voyeurismus und Aufklärung?

Schwarzer Tourismus ist eine umstrittene Form des Reisens. Dabei geht es um Reisen an Orte des Todes, Orte des Unglücks, Orte der Katastrophen.
Aufmerksam geworden auf den schwarzen Tourismus bin ich durch die Serie „The Dark Tourist„, die in einem Gespräch in der Kaffeerunde auf der Arbeit fiel. Einerseits finde ich diese Art des Tourismus spannend, andererseits abschreckend. Ein Paradoxon, nicht wahr?

Was ist schwarzer Tourismus?

Ein Ausflug nach Auschwitz oder Fukushima? Die verlassene Stadt Prypjat, das AIDA Flüchtlingscamp in Bethlehem oder die Havarie der Costa Concordia erkunden? Dies sind nur wenige Beispiele des sogenannten schwarzen Tourismus.

Definition von Katastrophentourismus

Katastrophentourismus ist die Bezeichnung für eine Art des Reisens, die in erster Linie die Schaulust nach einem Katastrophenfall bedient. Sie findet sowohl für organisiert anreisende Gruppen als auch für massenweisen Individualtourismus zu der Katastrophenstelle Anwendung. Eine modernere Verallgemeinerung, die auch Konzentrationslager und Kriegsschauplätze einschließt, ist Dark tourism oder Schwarzer Tourismus. Eine begriffliche Überlappung gibt es auch zum älteren Begriff Schlachtenbummler.“

Quelle: wikipedia.org/wiki/Katastrophentourismus [03.12.2018, 20:32 Uhr]

Es ist der Zwiespalt zwischen „gut“ und „böse“, „richtig“ und „falsch“, „gaffen“ und „mitfühlen“. Häufig wird der Katastrophentourismus (der meist synonym zum schwarzen Tourismus genutzt wird) als Voyeurismus gesehen, bei dem sich Menschen am Leid anderer ergötzen. Andererseits gibt es die Ansicht, dass schwarze Touristen sich mit dem Tod und dem Leid auseinandersetzen und damit den dunklen Teil des Lebens aufarbeiten.
Wichtig finde ich: man sollte sich immer respektvoll verhalten! Das gilt allgemein fürs Reisen, für den Umgang mit Menschen und anderen Kulturen. Aber gerade bei solch sensiblen Themen finde ich es noch wichtiger sich anständig zu verhalten.

Skelettpüppchen, Schwarzer Tourismus
Püppchen zum Día de los Muertos, Quelle: pixabay.com

Orte des schwarzen Tourismus

Mich interessiert dieses Thema schon eine ganze Weile. Dazu muss ich aber ebenfalls sagen, dass ich tatsächlich sehr gerne einige der umstrittenen Ziele besuchen würde. So könnte ich mir einen Ausflug in die ehemalige Sperrzone von Tschernobyl oder Fukushima sehr gut vorstellen. Ich bin dem Ganzen sehr offen gegenüber, verstehe aber natürlich Skeptiker und den Gegenpart.
Ich habe schon viele Berichte zum Besuch von Orten gelesen, die dem schwarzen Tourismus zugeschrieben werden.

Einige der typischen schwarzer Tourismus Orte/Zeremonien sind:

  • ehemalige Sperrzonen in Fukushima/Tschernobyl
  • Katakomben von Paris
  • die Costa Concordia
  • der Ort an dem JFK ermordet wurde
  • Orte, an denen Pablo Escobar aktiv war
  • Aokigahara: der Selbstmordwald in Japan
  • ehemalige Konzentrationslager wie Auschwitz-Birkenau
  • Orte des Terrors und Krieges (Syrien und der Irak zählen z.B. dazu)
  • Killing Field in Kambodscha
  • Totenfeiern in Asien

Und mich würde sehr interessieren, was die Leute dazu gebracht hat in diese Gegenden zu reisen. Wie kamen sie dazu, wie fühlte sich die Situation an? Aber andererseits freue ich mich auch über die Gegenmeinung: warum würde jemand diese Art des Tourismus nicht ausüben? Was spricht dafür und was dagegen? Was sind die persönlichen Beweggründe?
In einem Gespräch mit Ines von Gin des Lebens kam die tolle Idee auf, das man daraus eine Blogparade machen könnte – et voilá, dies ist das Ergebnis!

Schwarzer Tourismus: Was sagen andere Blogger dazu?

Das Thema Schwarzer Tourismus ist ein kontrovers diskutiertes Thema und ich habe die verschiedensten Definitionen und Meinungen dazu gelesen. Viele stören sich am Begriff „Schwarzer Tourismus“, anderen gefällt es zum Beispiel nicht, dass Katastrophentourismus und Schwarzer Tourismus häufig synonym verwendet werden. Auf Facebook konnte ich einige Einblicke in die Meinung anderer Bloggerkollegen sammeln und darf sie nun mit euch teilen.

Ich finde weder den Begriff dark noch Tourismus passend. Wenn man wirklich reist, gehört es dazu, solche Orte nicht auszuklammern.“ B. Charbonnier, Lucky Ways

Solche Orte sind Zeitzeugen der Geschichte.Wellness Bummler

Das ist mal eine interessante Idee… obwohl ich wirklich überlegen muß, über so etwas zu schreiben… viele Touristen verhalten sich (leider) oft eben nicht so respektvoll…“ T. Klindworth, SPANESS

Normalerweise mag ich solche Orte im Urlaub ja nicht besuchen. Die sind gewöhnlich furchtbar deprimierend. Allerdings gibt’s Ausnahmen. In Lloret de Mar hat mich zum Beispiel der Jugendstilfriedhof sehr beeindruckt.“ M. Fuchs, TravelWorldOnline

Ich war schon in Dachau und dieser Besuch wirkt heute noch nach. So schrecklich gewesen. Ich dachte, ich höre die Toten in meinem Kopf… Ihre Hilferufe kurz vorm Tod, ihr Leiden… jeder sollte solch ein Ort besuchen.“ C. Régnard-Mayer, Frauenpower trotz MS

Interessantes Thema, ich würde da aber einen Unterschied machen, ich finde die Definition irgendwie nicht passend, denn für mich ist es ein Riesenunterschied ob ich einen Katastrophenort besuche oder eine KZ Gedenkstätte, die sollte meiner Meinung jeder mal besucht haben, gerade in Zeiten wie diesen.“ I. Altmann-Oettel, MitKindimRucksack

Ich mag den Begriff „Black Tourism“ nicht. Ich finde, er wertet die besuchten Gedenkstätten und Katastrophen-Orte ab und verharmlost die Orte. Ist ein bisschen wie „Katastrophen-Tourismus“, wo die Leute hinreisen, um sich ihre Sensationsgier zu befriedigen. […]“ U. Hecker, Bambooblog

Blogparade Schwarzer Tourismus: die Teilnehmerbeiträge

Weltwunderer

24 Stunden Phnom Penh mit Kindern – zwischen Himmel und Hölle

Jenny und Alexander von Weltwunderer berichten über ihren 24-stündigen Aufenthalt in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh. Sie entschieden sich damals gegen die Killing Fields und besuchten stattdessen das Genocide Museum, welches gegenüber vom Königspalast situiert liegt. Das Genocide Museum ist eine ehemalige Schule, die die roten Khmer zu einem Gefängis und einer Folterstätte umfunktionierten. Trotz alledem haben die beiden Phnom Penh mit einer freundlichen Atmosphäre kennen lernen dürfen und bewundern die Fröhlichkeit der Menschen dort, gerade aufgrund der schwarzen Vergangenheit.

2 ON THE GO

Killing Fields Kambodscha: Choeung Ek bei Phnom Penh

Gina und Marcus von 2 on the go waren ebenfalls in Kambodscha unterwegs. Allerdings besuchten die beiden die Killing Fields bei Phnom Penh. Aus dem Tuol Sleng Gefängnis wurden die Opfer damals von den roten Khmer auf die Killing Fields gebracht, wo sie gefoltert und getötet wurden. Noch heute spült der Regen Knochen und Kleidungsreste an die Oberfläche der Massengräber. Der wohl schlimmste Teil der Killing Fields ist ein Baum, welcher mit bunten Gedenkbändchen geschmückt ist. Dieser Baum wurde genutzt um Babys und Kleinkinder an ihm zu Tode zu schmettern.

Kambodscha, Killing Fields, Gedenkbändchen
Mahnmal auf den Killing Fields, Kambodscha, Quelle: pixabay.com

Kulturtänzer

Hiroshima

Kathi war 2011 in Hiroshima und berichtet darüber, was ihr in 24 Stunden dort erleben könnt. Der erste Eindruck war, dass die Stadt wunderschön sei, trotz der Atombombenvergangenheit. Besonders das Friedensdenkmal, welches auch als Atombombenkuppel bezeichnet wird, hat Kathi am meisten bewegt. Dieses Gebäude wurde von der Atombombe „Little Boy“ getroffen und brannte komplett aus, lediglich die Stützkonstruktion des Dachs ist noch übrig. Auch die weiteren Gebäude sind sehr beeindruckend und ziehen sehr viel Geschichte mit sich.

The Road Most Traveled

10 Courts of Hell, Singapur

Ich selbst habe ebenfalls einen Beitrag zum schwarzen Tourismus beigetragen. Als ich in Singapur war, habe ich im Park Haw Par Villa das Museum „10 Courts of Hell“ besucht und dort findet sich die Geschichte wieder, was nach dem Tod passiert, je nachdem was man sich während des Lebens zu Schulde hat kommen lassen.

Scenic-World

Zu Gast bei einer Tana Toraja-Beerdigung

Alex und Jürgen von Scenic-World durften einer Tana Toraja Beerdigung beiwohnen. Diese Art von Beerdigung ist ein ganz besonderes und vor allem teures Fest. Wenn eine Person stirbt, kann die Beerdigungszeremonie erst durchgeführt werden, sobald das Geld zusammengespart wurde. Das kann auch mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Solange wird der Tote als „sehr krank“ bezeichnet, ihm wird regelmäßig eine Kleinigkeit zu Essen vorgesetzt und um die Verwesung vorzubeugen wird die Leiche mumifiziert und ihr wird regelmäßig Formalin gespritzt. Am Beerdigungstag werden viele Tiere wie Schweine und Büffel gespendet und geopfert, Schamanen und die nähere Verwandschaft tanzen.

Indonesien, Toraja-Beerdigung, Tana Toraja
Tana Toraja-Beerdigung in Indonesien | Foto: Jürgen Erhardt, Scenic-World

Flocblog

Reise nach Tschernobyl: die strahlende Tour zum Atomkraftwerk

Florian vom flocblog berichtet über seine Reise nach Tschernobyl und wie er den Tag in der Geisterstadt Prypjat wahrgenommen hat. Es kam zu keinem Zeitpunkt das Gefühl von Gefahr auf. Florian hat die Militärs als gelangweilt wahrgenommen und auch die Sicherheitsvorschriften seien nicht sehr hoch. So stört es niemanden, wenn die Gebäude betreten werden, die es aufgrund von möglicher Einsturzgefahr nicht sollten. Lediglich das Fernhalten vom roten Wald und einigen Gewächsen wie Pilzen wird geraten, da diese eine erhöhte Radioaktivität aufweisen.

Anita auf Reisen

Leben in der Sperrzone: Tour nach Tschernobyl

Auch Anita hat eine Tour nach Tschernobyl mitgemacht und berichtet in einem Interview mit einer Bewohnerin der Sperrzone, wie das Leben dort ist. Evdokija Semionovna ist über 70 Jahre alt und widersetzte sich dem Verbot der Regierung und zog damals in ihr Bauernhaus, 30 km vom Reaktor 4 entfernt, zurück. Heutzutage baut sie ihre eigenen Kartoffeln an und isst auch Fische aus dem Fluss und sammelt Pilze, bis auf einige Alterserscheinungen ginge es ihr aber so weit gut.

Eingangstor Auschwitz: Arbeit macht frei
Arbeit Macht Frei, Aufnahme aus dem KZ Auschwitz

Dark Tourism in Wien: Gruselig-schaurige Erlebnisse

Wien hat einiges für schwarze Touristen zu bieten. Neben Gruseltouren und dem Zentralfriedhof gibt es ein Foltermuseum. Dort werden die verschiedensten Folterszenarien mithilfe von Puppen dargestellt, sodass man sich die Qual und das Elend bildlich vorstellen kann. Laut Tripadvisor sind die Top-5 Dark Tourism Plätze in Wien der Stephandsdom, das dritte Mann Museum, der Zentralfriedhof, die Peters- und die St. Anna Kirche. Anita weist in ihrem Beitrag ebenfalls auf den Podcast DARK.wien hin, vielleicht ist das ja etwas für einige meiner Leser?

Denise‘ Bucketlist

Schwarzer Tourismus? – Ein Besuch in Auschwitz-Birkenau

Denise hat das KZ Auschwitz-Birkenau besucht und beschreibt als einen ihrer Beweggründe, dass sie sich sehr für Geschichte interessiert hat. So war ihr Zweitfach im Bachelor Geschichte und nach dem Master hat sie sich für ein Fernstudium in europäischer Geschichte eingeschrieben. Sie hat sich viel mit dem Holocaust und dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Ein Gefühl von Beklemmung machte sich auf dem KZ Gelände breit, einige Bilder haben sich in Denise‘ Gedächtnis gebrannt. Leider bleibt auch Auschwitz-Birkenau nicht vor dem perfekten Instagram-Foto verschont und somit sieht man Selfies und Gruppenfotos an einem Ort, an dem dies nicht sein sollte.

Kulturtänzer

Zu Besuch im KZ Sachsenhausen – Auf den Spuren deutscher Vergangenheit

1938 wurde das KZ Sachsenhausen zur zentralen Verwaltungsinstanz für alle Konzentrationslager im deutschen Machtbereich. Dadurch war ein großer Teil der SS dort stationiert und KZ-Kommandanten und Bewachungspersonal wurde dort ausgebildet. Erst 1950 wurde das Lager als letztes geschlossen, ca. 12.000 Menschen starben bis zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort. Heutzutage befindet sich auf dem Gelände die Gedenkstätte und das Museum Sachsenhausen.

Auschwitz Schild mit Totenkopf
Aufnahme aus dem KZ Auschwitz

Côté Langues

Texterin und Übersetzerin auf der Suche nach vergessenen Konzentrationslagern

Andrea bereist viele Konzentrationslager. Sie hat bekannte Lager wie Sachsenhausen oder Buchenwald besucht, aber sucht besonders nach vergessenen Lagern wie das Waldlager Horgau oder das Jugenschutzlager Uckermark. Das Ganze entspringt persönlicher Natur, da sie in einer Familie aufwuchs, in der das Dritte Reich tabuisiert wurde. Sie reist für ihre Oma und Hartl, dem ersten Mann ihrer Oma, der im KZ Dachau umgebracht wurde. Doch die Bezeichnung des schwarzen Tourismus lehnt sie für sich ab, da dies Reisen für die Erinnerung sind und dies nichts mit Tourismus zu tun hat.

Dark Tourism: Untersuchungsgefängnis Leistikowstraße in Potsdam

Durch Zufall entdeckte Andrea das Unterschungsgefängnis in Potsdam. Dort wurden Menschen, besonders kurz nach dem Krieg, inhaftiert, denen eine Mitschuld an NS-Verbrechen vorgeworfen wurde. Auch der Verdacht, dass man der Untergrundorganisation Werwolf angehöre, reichte für eine Inhaftierung. Kritik am Regime war nicht gern gesehen, somit wurden verschiedene Menschen durch den Vorwurf Spionage eingesperrt – der jüngste Insasse war gerade einmal 12 Jahre alt. Massive Folter, extremer Hunger und eisige Kälte gehörten zum Standardprogramm des Gefängnis‘. Auch die hygienischen Gegebenheiten waren unterirdisch und verbesserten sich erst in den 1960/1970er Jahren.

Berlinerin in Frankreich

Orte des Grauens, der Trauer und der Freude: Über den Umgang mit Katastrophen in Frankreich

Feli berichtet auf ihrem Blog Berlinerin in Frankreich sehr persönlich über schreckliche Ereignisse, die sich innerhalb der letzten Jahre in Frankreich zugetragen haben. Sie war in unmittelbarer Nähe und konnte sich doch schützen. Aber der Umgang der Franzosen mit Katastrophen ist sehr besonders. Feli beschreibt es so, dass wenn ein Unglück passiert in Frankreich, so wird es zu einem nationalen Unglück. Im Anschluss erfolgt eine Umdeutung ins Positive. Schock und Trauer werden zu einer Feier, bei der die Werte und Frankreich geehrt werden. Aus Verzweiflung wird Hoffnung. Man gehört zu der Gruppe der Franzosen. Diese Zugehörigkeit lässt einen solch ein Grauen ertragen.

The Adoptive Sister

Bin ich ein Dark Tourist?

Melissa erzählt in ihrem Beitrag, wie sie zum schwarzen Tourismus steht und dass es für sie wichtig ist, dass man mit Anstand und Respekt solche Orte besucht. Sie selbst hat bereits mehrere Orte besucht, wie z. B. das KZ Bergen-Belsen oder Culloden Moor. Wobei sie sich vorher nie mit dem Thema dark tourism auseinandergesetzt hatte. Als sie dann auf den schwarzen Tourismus aufmerksam wurde, stellte sie fest, dass sie selbst ein dark tourist ist. Und Melissa würde auch jederzeit wieder an solche Orte reisen, um sich zu bilden und etwas zu lernen.

Schwarzer Tourismus: Gasmaske in Tschernobyl

Bambooblog

Katastrophentourismus – wie geil ist das denn?

Ulrike haderte anfangs ziemlich mit dem Thema und war sich nicht sicher, ob sie wirklich etwas zum schwarzen Tourismus schreiben sollte. Solche Katastrophen wie Tschernobyl oder Fukushima sind nichts für Ulrike und an solche Orte würde sie nicht reisen. Wohingegen jüdische Friedhöfe, alte Moorleichen oder Mahnmale zu Krieg und Folter eine spannende Geschichte mit sich bringen. Ulrike sagt, dass sie auch die dunklen Ecken ansehen und mit offenen Augen für die Vergangenheit und die Gegenwart durch die Welt reisen muss um ebendiese zu verstehen.

Urban Roach

Schwarzer Tourismus? Ein paar Gedanken

Roach befasst sich auf Urban Roach größtenteils mit der Suche nach Lost Places und lichtet diese ab. Somit kam sie auch schon desöfteren mit dem Begriff schwarzem Tourismus in Berührung. Roach erzählt unter anderem von einem vierfachen Mord durch eine Rohrbombe in Oberwart, aber auch von leerstehenden Häusern und Psychiatrien. Gerade letztere mag sie nicht besonders, denn die Geschichten hinter der Schließung können unfassbar grausam sein. Gerade die Abschlussfrage finde ich spannend: Lässt sich schwarzer Tourismus eigentlich vermeiden?

Wandernd

#10. D-Day-Feiern an den Landungsstränden. „Where have all the flowers gone?“

Ilona erzählt über den D-Day und wie sie ihn als Deutsche empfindet. Sehr emotional berichtet sie über den britischen Soldatenfriedhof in Bayeux und die Landungsstrände, an denen ein grausames Gemetzel stattgefunden hat. Heutzutage wird der D-Day gefeiert. Kanadier, Briten, Franzosen und Amerikaner – alle treffen sich und feiern den Auftakt der Befreiung. Aber Ilona selbst fehlte die Distanz zu den Schrecken des Soldatentums, ihr war das Ganze sehr unangenehm. Für die einen ist der D-Day eine große Feierei, für Ilona ist es schwarzer Tourismus.

Banksy, Streetart, Mural, Mädchen mit Herzballon
Banksy Mural, Quelle: pixabay.com

Gin des Lebens

Reisen zwischen Aufklärung und Sensationsgier

Ines und Thomas haben Anfang 2019 eine Reise durch Jordanien, Israel und Palästina. Durch einen unglücklichen Zufall gelangten die beiden in Palästina in ein Flüchtingslager und erlebten dort eine Achterbahn an Emotionen. In dem Lager haben sie ein trauriges Foto mitsamt Geschichte erblickt, auf dem ein 13 jähriger Junge abgebildet ist, der beim Spielen mit seinen Freunden von einem Israeli erschossen wurde. Auch Streetart von Banksy oder Cakes_Stencils in Bethlehem thematisieren die beiden, denn hinter den großartigen Kunstwerken stecken häufig traurige Geschichten.

Sandra Wickert | Text and the City

Phänomen Dark Tourism – Schwarzer Tourismus

Eine ganz andere Ansichtsweise von schwarzen Tourismus hat Sandra in ihrem Beitrag angebracht. Die typischen Orte wir Tschernobyl und Co. sind nicht mehr wegzudenken aus der Szene. Aber was wäre, wenn man die Definition schwarzer Tourismus etwas weiter fasst? Gehören Orte, an denen auf Homosexualität noch immer die Todesstrafe steht,so wie die Vereinigten Arabischen Emirate, zu so genannten dark tourism Spots? Und was ist mit Minsk? Die weissrussische Hauptstadt, die die letzte bestehende Diktatur Europas hat? Inwiefern zählt der ethische Charakter einer Reise zum Dark Tourism? Neben diesem sehr interessanten Ansatz findet ihr noch ein kurzes Interview mit Sebastián Cuevas von Between Distances.

Darkm Tourism: Ein Fazit

Aus den meisten Beiträgen geht hervor, dass besonders die Absicht hinter der Reise ausschlaggebend dafür ist, ob das Ganze „guter schwarzer Tourismus“ oder einfach nur Voyeurismus ist. Viele spannende Ansätze wurden gemacht, Meinungen gebildet und von sehr emotionalen Erlebnissen berichtet. Besonders berührt hat mich der Beitrag über die Killing Fields von Gina und Marcus. Besonders spannend fand ich den Ansatz von Sandra im Bezug auf die ethischen und moralischen Gegebenheiten.

Es gibt also nicht nur die eine richtige Definition, so wie es scheint, gibt es viele subjektive Einflüsse, die in den schwarzen Tourismus einfließen. Danke für all diese emotionalen und sehr intensiven Beiträge über ein Thema, welches schnell schwer im Magen liegen kann.

 

 

 

56 Kommentare zu „Schwarzer Tourismus: Wo liegt die Grenze zwischen Voyeurismus und Aufklärung?

  1. Über „Schwarzer Tourismus“ hatte ich zuvor noch nie etwas gelesen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die das freiwillig machen. Aber mal ehrlich es gibt anscheinend für alles einen Markt.
    Alles Liebe
    Annette

  2. Wir waren letztes Jahr kurz vor Silvester in den Katakomben in Rom. Dort waren aber alle Gräber leer. Man sagte uns, weil es Touristen gab, die Knochen gestohlen hätten. Deshalb hat man sie umgebettet. Bei Culloden Moor waren wir letzten Sommer. Das war auch bedrückend, vor allem im Museum. Da lief ein Film, als wenn man direkt in der Schlacht steht!

    Liebe Grüße
    Jana

  3. Das war ja eine richtig spannende Blogparade mit so vielen unterschiedlichen Beiträgen.
    Ich selbst schaue mir tatsächlich gerne alte Friedhöfe und ähnliches an. Einen Besuch in Tschernobyl muss ich dagegen nicht gemacht haben. Allerdings bin ich auch der Meinung, dass jeder mal ein KZ besucht haben sollte, wobei das für mich auch eher etwas mit Bildung statt mit Tourismus zu tun hat. Schwierig, da eine Definition zu finden …

  4. Liebe Michelle,

    cool, dass ich die Blogparade entdeckt habe. Ich habe gerade über Dark Tourism geschrieben und dabei jemanden interviewt, der in solch besondere Orte reist. Ich war bisher nur einmal in einer Destination, die man evtl. zum Dark Tourism zählen könnte, an einem Observatorium in Südkorea, bei dem man auf ein nordkoreanisches Dorf blicken konnte. Demnächst bin ich in Minsk, in Weißrussland, der letzten Diktatur Europas, ich bin sehr gespannt, was mich dort erwartet!
    Hier findest du meinen Beitrag: https://sandrawickert.de/schwarzer-tourismus/
    Liebe Grüße,
    Sandra

  5. Liebe Michelle!

    Hier ist wie versprochen mein Beitrag:
    https://berlinerininfrankreich.de/ueber-den-umgang-mit-katastrophen/3013/

    Ich habe mich mal von dir inspirieren lassen und herausgekommen ist ein Beitrag über den Umgang mit Katastrophen und deren Schauplätzen durch die Pariser, mich und die Touristen. Ich weiß nicht, ob man das immer als Schwarzen Tourismus bezeichnen kann, aber ich finde, dass damit ein Aspekt beleuchtet wird, der unbedingt bei dem Thema berücksichtigt werden sollte.

    Liebe Grüße aus Paris
    Feli

  6. Das ist schon recht morbide und passt gar nicht zu meinem Reiseverhalten. Für mich hat das Reisen, wenn es nicht geschäftlich ist, immer so viel Positives, dass ich solche Orte meiden würde. Aber das muss natürlich jeder für sich entscheiden.
    Liebe Grüße und ich bin mal gespannt, wohin es dich dann zieht…
    Gabriela

  7. Liebe Michelle,

    ich nehme sehr gerne mit meinem Beitrag zu Hiroshima an deiner Blogparade zum Schwarzen Tourismus teil. Mich hat der Besuch dort wirklich sehr bewegt. Noch dazu war ich 2011, also kurz nach dem Atomunglück um Fukushima da. Damals war das Thema für mich brandaktuell – Und eigentlich ist es das ja heute immer noch.
    Doch so bedrückend und bewegend der Besuch war, ist es meiner Meinung nach unglaublich wichtig, diese Orte zu besuchen – natürlich nur mit Respekt!

    https://kulturtaenzer.com/hiroshima/

    Viele liebe Grüße
    Kathi

  8. Wir hatten im Dezember eine Katakombenanlage in Rom besichtigt, aber das zählt glaube ich nicht dazu, weil dort alle menschlichen Überreste weggeschafft wurden. Man sagte uns, weil es Touristen gab, die Knochen geklaut hatten! Ich persönlich würde mir solche Orte anschauen, wenn sie historischen Wert haben und als Gedenkstätte dienen.

    Liebe Grüße
    Jana

  9. Hallo Michelle,

    ich nehme mit einem Archivbeitrag an eurer Blogparade teil und bin sehr gespannt auf die anderen Einsendungen. Wie man aus dem Besuch von Dark Tourism Spots einen Sport (oder gar eine TV-Serie) machen kann, ist mir rätselhaft. Schon beim erneuten Lesen unseres Erlebnisses in Phnom Penh sind mir wieder die Tränen gekommen… ich verkrafte so etwas nur sehr schlecht. Und immer wieder bin ich dann froh, dass wir in Mitteleuropa leben, wo seit 70 Jahren politische Stabilität herrscht. Möge es noch lange so bleiben!

    https://www.weltwunderer.de/24-stunden-phnom-penh-mit-kindern-zwischen-himmel-und-hoelle/

    Viele Grüße
    Jenny

  10. Mich persönlich hat ein wenig geschockt wie die Menschen sich nach der Serie Chernobyl so auf das als Reiseziel gestürzt haben und vor allem wie. Denn grundsätzlich finde ich sollte man auch dunkle Geschichte aufarbeiten und Dinge darüber erfahren, aber eben mit einem gewissen Maße an Respekt.
    Ich glaube persönlich da gingen einige Bilder die da gemacht wurden gar nicht.
    Selber war ich zB an dem Ort, an dem martin luther king erschossen wurde. Dort ist mittlerweile ein Museum für Menschenrechte. Sehr bedrückend und aber auch sehr wichtig.
    Liebe Grüsse Ela

  11. Hallo Michelle,

    ich beschäftige mich schon sehr lange mit dem Thema und habe dazu einige Beiträge verfasst, u. a.

    über unsere Tour nach Tschernobyl: http://www.anitaaufreisen.at/blog/allgemein/leben-in-der-sperrzone-tour-nach-tschernobyl/

    und ein Dossier zu dem Thema mit einem Interview mit einer Psychologie und einem eigenen Podcast: http://www.anitaaufreisen.at/podcasts/dark-tourism-wien/

    Die Beiträge über lost place habe ich nicht verlinkt, aber ihr findet die auch sicher so in meinem Blog 😉

    LG Anita

  12. Interessantes Thema! Ich bin immer noch unschlüssig, ob ich etwas dazu schreiben. Ja, und wenn, worüber.
    Ich würde nie Orte wie Tschernobyl oder den Untergangsort der Costa Concordia besuchen. Denn welches Motiv hätte ich außer der Befriedigung der Sensationsgier? Aber manche Orte sind von hoher geschichtlicher Relevanz. Man sollte Orte wie Konzentrationslager oder Tuol Sleng besuchen, weil diese Taten/Zeiten niemals vergessen werden dürfen! Wenn ich keine Zeit für was neues finde, dann habe ich u.a. Artikel zum Jewish Refugees Museum in Shanghai oder zur Gedenkstätte Bullenhusener Damm zu bieten. Glücklicherweise gibst Du uns ja noch ein wenig Zeit!
    Bis dahin viel Erfolg
    Ulrike

    1. Ganz herzlichen Dank für deinen Kommentar, liebe Ulrike. Genau diese Komplexität dieses Themas macht das Ganze noch spannender, als es sowieso schon ist.
      Bin sehr gespannt auf deinen Beitrag, egal in welche Richtung dieser geht.

  13. Das ist ein spannendes Thema, welches leider nicht auf meinen Blog passt. Dabei ist schon der Versuch, „schwarzen“ Tourismus einzugrenzen, eine Herausforderung:

    Ich bin im KZ Buchenwald und einem weiteren Lager im Elsass gewesen. Zudem habe ich auf dem Platz des himmlischen Friedens in Beijing gestanden, das Colosseum in Rom besichtigt, bin in Washington D.C. (wenngleich eher zufällig) vor dem Theater gelandet, in dem Abraham Lincoln ermordet worden ist, habe die Gefängnisinsel Alcatraz besucht und kürzlich auch die ehemalige Leprakolonie Spinalonga vor Kreta. Von diversen historischen Schlachtfeldern samt Kriegsdenkmälern ganz zu schweigen (und diese Liste ist nicht vollständig!).

    Alle diese Ziele haben zwei Dinge gemeinsam: Sie sind alle in irgendeiner Weise Orte des Todes und/oder des Schreckens und sie sind überaus geschichtsträchtig. So haben unsere Reisen zu solchen Orten immer einen Bildungscharakter. Aber ist ein Ort weniger geschichtsträchtig, weil die dramatischen Ereignisse dort erst gut 30 Jahre zurückliegen (wie z.B. in Prypjat/Tschernobyl) und nicht rund 2000 Jahre wie die Spiele im Colosseum von Rom? Ich meine: Nein. Geschichtsträchtig ist geschichtsträchtig, egal in welcher Epoche.

    Und letztlich gehören Tod und Schrecken fast überall zwangsläufig zu unserer Geschichte dazu. Daran zu erinnern, ist mit Sicherheit nicht verwerflich.

    Als ein ganz anderes Kaliber sehe ich Ziele an, die gegenwärtig Orte des Schreckens und/oder Todes sind – aktuelle Kriegsgebiete wie z.B. in Syrien oder den Selbstmordwald in Japan. Da wird der Grat zwischen Tourismus und Voyeurismus in meinen Augen mehr als schmal – und ich würde ihn nie begehen.

    Liebe Grüsse,
    Kathi

  14. Ich denke, sobald man einen Besuch an so einem Ort als Tourismus begreift, hat man den Grat überschritten, auf dem man da wandelt. Ich war mit unserer ältesten Tochter schon in zwei KZs, wir alle haben in Phnom Penh das Tuol Sleng Prison besucht und in HCMC das War Museum. Das alles war für mich zwar sehr berührend und bedrückend, hatte für uns aber ausschließlich Bildungswert und nichts von gruselig-morbider Sensationslust. Letzteres finde ich widerwärtig, und es scheinen leider immer mehr Menschen mit dieser Motivation an Orte wie Tschernobyl etc. zu reisen. (Zu Hause beziehen sie dann wahrscheinlich auch noch Strom aus Atomenergie…)
    Wenn es okay ist, verlinke ich gern meinen Blogbeitrag aus Kambodscha mit eurer Blogparade!

    Liebe Grüße
    Jenny

  15. Das ist ein recht kontroverses Thema aber ich bin auch erst durch diese Serie The Dark Tourist auf diese Sachen aufmerksam geworden.
    Ausschwitz würde ich gerne mal sehen. Wenn es noch so aussieht wie vor 30 Jahren. Da waren Freunde dort und die erzählten, dass man dort das Gefühl hatte, die toten würden neben einen stehen und ihre Schreie könnte man an den Wänden noch wahrnehmen…

    Ich war bisher nur im KZ Dachau.

      1. Keine Ahnung ob diese erdrückenden Gefühle heute noch existent sind oder wären aber besuchen möchte ich es auch irgendwann noch.

  16. Ich denke auch, dass es ein schmaler Grat ist zwischen „Schwarzem Tourismus und geschichtlichem Zeitgeschehen. Ich war im Januar in Amritsar und habe dort die Gedenkstätte Jallianwala-Bagh besucht. Dort fand verübten die Briten vor 100 Jahren ein schreckliches Massaker gegen friedliche Demonstranten. Irgendwie fühlte ich mich nicht wirklich wohl. LG aus Südindien Irene

  17. Moin 🙂
    Ich bin durch die Serie Chernobyl auf schwarzen Tourismus aufmerksam geworden, wenn man das so nennen kann. Ich wusste, dass Menschen nach Tschernobyl reisen, kann das aber nicht wirklich nachvollziehen. Wahrscheinlich einfach weil mich das Thema nicht wirklich reizt.
    An sich gibt es aber einige Orte, die ich gerne besuchen würde und auf deiner Liste stehen. Auschwitz und die Pariser Katakomben zum Beispiel, weil ich Geschichtlich sehr interessiert bin. Ich frage mich nur wo genau der Unterschied zwischen schwarzem Tourismus und nennen wir es mal „Bildungstourismus“ liegt. Ich werde mir auf jeden Fall mal ein paar Gedanken dazu machen und freue mich schon auf andere tolle Beiträge der Blogparade!

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